„Die Rechte“ Landesverband in Thüringen gegründet

Während die NPD in Thüringen deutlich ihre Attraktivität für Neonazis einbüßt, machen ihr weitere extrem rechte Gruppierungen den Platz streitig. Nach mehreren Aktivitäten der Partei „Der III. Weg“ und einer ersten Stützpunktgründung in Thüringen hat sich am 11. Juli 2015 ein Thüringer Landesverband der Partei „Die Rechte“ (DR) gegründet, der bekannte Schläger Michel Fischer ist zum Landesorganisationsleiter der Partei gewählt worden.

„Radikale, nationale und sozialistische Partei längst überfällig“ – „Die Rechte“ mit Anhängern in Thüringen

Philipp Hasselbach (Die Rechte Bayern) beim Gründungsparteitag in Thüringen

Philipp Hasselbach (Die Rechte Bayern, stehend) beim Gründungsparteitag in Thüringen

Während der mehrfach vorbestrafte NPD-Kader Thorsten Heise in Leinefelde sein Rechtsrock-Event „Eichsfeldtag“ abhielt, machte im Süden des Landes die Partei „Die Rechte“ (DR) mobil. Bislang warb vor allem der Neonazi Jörg Krautheim aus Gera um Parteimitglieder – er war bereits 2013 zu Gast bei einem „Drei Länder Stammtisch“ mit dem Ziel der Gründung eines Thüringer Landesverbandes. Ein anderer, der mit der Partei sympathisiert, ist der der umtriebige Thüringer Neonazi Michel Fischer, der seit 2013 an DR-Aufmärschen und Veranstaltungen teilnimmt. Mit anderen Neonazis aus Sachsen und Sachsen Anhalt war er am Samstag, dem 13. Juni auch zu Gast bei einer DR-Infoveranstaltung in Südthüringen. Dort war die Rede von dem „Aufbau unserer Partei in Thüringen“, Fischer trat für „Die Rechte Thüringen“ ans Rednerpult. Er ist nicht der einzige, den es in Thüringen zur Partei DR zieht, wie das Beispiel Enrico Biczysko zeigt. Der mehrfach vorbestrafte Neonazi-Hooligan und NPD-Stadtratsmitglied in Erfurt hatte dem sächsischen DR-Funktionär Alexander Kurth geschrieben, er gedenke die Partei zu wechseln. Kurth nahm ebenfalls an der Thüringer Infoveranstaltung teil. Und auch gegenüber anderen Thüringer Neonazis hatte Biczysko im vergangenen Jahr Interesse an einer Mitarbeit in DR bekundet. Bei der DR-Veranstaltung am 13. Juni teilte Fischer gegen die Thüringer NPD aus, die ihm vor zwei Jahren „blinden Aktionismus, eine Spaltung nationaler Gruppierungen und eine inszenierte Selbstdarstellung“ vorgeworfen hatte. Mit anderen Neonazi-Gruppen hatte sie eine Zusammenarbeit mit Fischer damals abgelehnt. Fischer wiederum schießt jetzt öffentlich gegen die NPD, die sich mit Parlamentssitzen zufrieden gebe und sich nicht ausschließlich für die Interessen des „eigenen Volkes“ einsetze. Die Konkurrenzpartei DR wiederum sei als „radikale, nationale und sozialistische Partei längst überfällig“ – besonders in Thüringen, das Fischer gerne als „Schutz- und Trutzgau“ beschreibt. Der Neonazi aus dem Weimarer Land nutzt damit einen Begriff, den der damalige NSDAP-Gaugeschäftsführer für Thüringen bzw. Reichsstatthalter für Thüringen, Fritz Sauckel, nach 1933 geprägt hatte. Als „Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz in Deutschland“ war der Nationalsozialist Sauckel verantwortlich für die Verschleppung von rund fünf Millionen Menschen aus ganz Europa. Der Chefankläger des Internationalen Militärtribunals nannte Saukel 1946 den „größten und grausamsten Sklavenhalter seit den ägyptischen Pharaonen“. Ein Bild, das dem Neonazi Michel Fischer offenbar sehr gefällt.

Oldscool-Nazi Bert Müller wird neuer Landesvorsitzender, Schläger Michel Fischer Organisationsleiter

Neuer Landesvorsitzender: Bert Müller aus Cursdorf (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt)

Neuer Landesvorsitzender: Bert Müller aus Cursdorf (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt)

"Freier Aktivist" Michel Fischer nicht mehr frei, sondern Partei-Landesorganisationsleiter von "Die Rechte" Thüringen; hier am 27. Juni in Jena

„Freier Aktivist“ Michel Fischer nicht mehr frei, sondern Partei-Landesorganisationsleiter von „Die Rechte“ Thüringen; hier am 27. Juni in Jena

Bereits am 27. April 2015 schaltete der Neonazi Bert Müller aus Cursdorf im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt eine neue Domain unter dem Namen „dierechte-suedthueringen.de“, auf der er als Vorsitzender vom „Die Rechte Kreisverband Südthüringen“ benannt wird. Die Gruppe hat sich am 16. Mai zu einem „Heldengedenken“ in Scheibe-Alsbach getroffen, im westlichen Schiefergebirge nahe Neuhaus am Rennweg, um dort „mit Stolz und Dankbarkeit den tapferen Kämpfern der deutschen Wehrmacht“ zu gedenken. Müller hielt in Bomberjacke eine Ansprache vor einer schwarz-weiß-roten und einer „Die Rechte“-Fahne, auf dem Boden vor einem Kriegerdenkmal wurden Kränze mit der Aufschrift „8. Mai – wir feiern nicht“ platziert. Weniger als eine Hand voll Neonazis haben augenscheinlich daran teilgenommen. In seinem Redebeitrag wetterte Müller gegen die österreichische Filmemacherin Barbara Albert. Die Regisseurin veröffentlichte 2012 ihren Film „Die Lebenden“, in dem es um ihren 1999 gestorbenen Opa Roland Albert geht, der SS-Soldat war und auch als Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz arbeitete. Bert Müller bemängelte vor dem Kriegerdenkmal, dass Frau Albert es für nötig hielt, „über ihren Großvater herzuziehen der Mitglied bei der SS war“. Der SS-Opa Roland Albert hätte ja nur Befehle befolgt und wäre im Weigerungsfall sonst „standrechtlich erschossen worden und sie [die Regisseurin] wäre nie geboren worden!!!! Da könnte sie ihr Kind nicht an eine Schule mit hohen Ausländeranteil schicken, wo sie heute die Ausländer sucht“ (Fehler im Original). Die Gemeinde Cursdorf befindet sich 1,5 Kilometer neben dem Ort Oberweißbach, aus dem die vom NSU ermorderte Polizistin Michéle Kiesewetter stammt.

Bert Müller (mittig) beim Heldengedenken am 16. Mai 2015

Bert Müller (mittig) beim Heldengedenken am 16. Mai 2015

Der Thüringer Landesvorstand "Die Rechte"  2.v.l.: Jörg Krautheim, 3.v.l. Bert Müller und 5.v.l. Michel Fischer

Der Thüringer Landesvorstand „Die Rechte“, 2.v.l.: Jörg Krautheim, 3.v.l. Bert Müller und 5.v.l. Michel Fischer

Nach Eigenangaben will der Kreisverband an jedem zweiten Wochenende im Monat einen „musikalischen Stammtisch mit verschieden Liedermachern“ sowie gelegentliche Vortragsabende veranstalten. In der Öffentlichkeit tritt Müller, der auch an Armen und Hals tätowiert ist, gerne „oldscool“ auf, so auch beim Organisationstreffen des Thüringer Pegida-Ablegers „Thügida“ im Juli 2015. Als einer von 27 beteiligten Neonazis trug er ein schwarzes T-Shirt mit Reichsadler und dem Aufdruck „Landser“. Auf der Thügida-Seite bedauerte ein Thügida-Anhänger zynisch: „Ihr haltet mit eurem Ursprung und Gesinnung aber nicht hinterm Berg. Bitte mehr solcher Klamotten, damit auch der letzte merkt, wo bei Euch die fahrt hingeht“, ehe der nächste Partei für Müller ergriff: „Macht weiter so, ihr seid echt super und stehe zu 100% hinter Euch. Landser Shirt?, na und sieht schick aus“.

Gründungsparteitag in Haselbach bei Sonneberg unter Leitung eines mutmaßlichen „Verräters“

Plaudertasche Hartmut Wostupatsch (links) beim Dirigieren, hier bei einem Aufmarsch 2007 in Hildesheim

Plaudertasche Hartmut Wostupatsch (links) beim Dirigieren, hier bei einem Aufmarsch 2007 in Hildesheim

Am 11. Juli 2015 fand in Haselbach bei Sonneberg der Gründungsparteitag von „Die Rechte Thüringen“ statt. Hier trafen sich schon Neonazi-Kameradschaften und die NPD, besonders begehrt ist das so genannte „Kulturhaus Haselbach“ das im Besitz einer Nazianhängerin des höheren Alters, Irmgard ‚Irmi‘ Thomas, ist. Im gleichen Ort wohnt auch der Gebietsleiter der „Europäischen Aktion Thüringen“, Axel Schlimper. Gegen 12 Uhr soll Bert Müller die Veranstaltung eröffnet haben, als Tagungsleiter sei Hartmut Wostupatsch aufgetreten, der seit den 70er Jahren in der neonazistischen Szene aktiv ist. Seit 2002 wurde Wostupatsch mehrfach innerhalb der Szene die Zusammenarbeit mit Verfassungsschutz und Staatsschutz vorgeworfen.

Philipp Hasselbach mag das 25 Punkteprogramm der NSDAP

Philipp Hasselbach mag das 25 Punkteprogramm der NSDAP

Gruppen wie die Fränkische Aktionsfront (FAP) veröffentlichten eine Erklärung, wonach sie „den Kontakt zu Hartmut Wostupatsch ab sofort einstellen, ihn nicht mehr zu Veranstaltungen einladen bzw. auch keine Demonstrationen mehr besuchen, bei denen im Vorfeld schon klar ist, daß Wostupatsch dort als Redner auftritt“. Mehrere Neonazis kritisierten, dass er „Organisationsinterna von freien Strukturen“ an staatliche Behörden verraten hätte. Eine „VS-Recherchegruppe Mitteldeutschland“ aus dem Spektrum von „Die Kommenden“ informierte über Wostupatsch, auch das Präsidium der NPD untersagte, „daß zukünftig Hartmut Wostupatsch aus Würzburg auf NPD-Veranstaltungen aller Art auftritt“. Ein paar Jahre später trat er wieder bei NPD-Veranstaltungen auf. Zuletzt auch vermehrt bei Veranstaltungen von „Die Rechte“ , so auch Anfang März 2015 bei einer Solidaritätskundgebung vor dem Oberlandesgericht München, im dem gerade der NSU-Prozess stattfindet. „Die Rechte“ solidarisierte sich mit dem Jenaer Neonazi Ralf Wohlleben, der wenige Tage zuvor zum dritten mal in Folge seinen Geburtstag in Untersuchungshaft feiern musste. Jene Veranstaltung wurde vom Münchner Kreisverband „Die Rechte“ um den Neonazi Philipp Hasselbach organisiert, welcher beim Thüringer Gründungsparteitag als bayrischer Landesvorsitzender ebenfalls ein Grußwort vortrug. Wenige Wochen zuvor verbreitete Hasselbach im Internet eine Grafik im Layout einer Hakenkreuzfahne, in der das Hakenkreuz ausgetauscht wurde durch den Schriftzug: „25 Punkte Keine Diskussion“ – eine Anspielung auf das 25 Punkteprogramm der NSDAP. Hartmut Wostupatsch war bereits für den 12. Juni im Internet als Gast für einen Vortragsabend vom „Die Rechte Kreisverband Südthüringen“ angekündigt worden.

Thügida-Organisationstreffen im Juli 2015, 2.v.r. mit Landser-T-Shirt: Landesvorsitzender "Die Rechte" Thüringen, Bert Müller

Thügida-Organisationstreffen im Juli 2015, 2.v.r. mit Landser-T-Shirt: Landesvorsitzender „Die Rechte“ Thüringen, Bert Müller

Beim Thüringer Parteitag sei nun auch ein Landesvorstand gewählt worden, heißt es in der Mitteilung des neuen Verbandes. Zum Vorsitzenden habe man Bert Müller gewählt , sein Stellvertreter sei Marco Kern und Schatzmeister Kevin Kern. Jörg Krautheim aus Gera über den wir hier schon berichtet haben ist zum der Landesgeschäftsführer gewählt worden und Michel Fischer aus Tannroda zum Landesorganisationsleiter. Fischer wurde erst im vergangen Jahr zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er gemeinsam mit seinem Vater ein 13-jähriges Kind verprügelte. Trotz Bewährung attackierte der Jenaer Neonazi, der auch für die Jenaer Security-Firma „VIP Schild“ arbeitet, am 27. Juni bei der Demonstration von Axel Schlimper und seiner „Europäischen Aktion“ in Jena einen Journalisten, wie hier im Video zusehen ist. „Die Rechte Thüringen“ plant nun zunächst „Strukturaufbau, Vernetzung und Zusammenarbeit aller nationalen Kräfte in Thüringen“. Außerdem hat Michel Fischer in seiner neuen Rolle als Landesorganisationsleiter angekündigt, dass man die Partnerorganisation von „Die Rechte“ in Sachsen-Anhalt im Landtagswahlkampf 2016 unterstützen möchte. Fischer unterhält seit Jahren enge Verbindungen nach Sachen-Anhalt, insbesondere in die Region Weißenfels und Merseburg. So auch zu Rolf Dietrich, der für die NPD im Kreistag des Saalekreises sitzt und nun für „Die Rechte“ aktiv ist sowie die neonazistische „Aktionsgruppe Weißenfels“. Beide unterstützten Fischer bei seinen Gerichtsverfahren in Thüringen. Bei seinem „Trauermarsch“ am 7. Februar 2015 in Weimar setzte er auch mehrere Mitglieder der „Aktionsgruppe Weißenfels“ als Ordner ein. Die Gruppe befand sich anlässlich der „III.Weg“-Demonstration am 1. Mai 2015 in Saalfeld mit in jenem Neonazi-Mob, der drei jugendliche Punks krankenhausreif prügelte.

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