Vier Tage vor NPD-Verbotsverfahren: Thüringer Landesorganisationsleiter David Köckert wirft das Handtuch

Am 1. März 2016 beginnt das NPD-Verbotsverfahren beim Bundesverfassungsgericht Karlsruhe. Am 26. Februar 2016 veröffentlichte die Thüringer NPD eine Mitteilung über den Rücktritt des Greizer NPD-Funktionärs vom Amt des Landesorganisationsleiters.

Koeckert4Köckert ist seit vielen Jahren eine Führungsfigur in der neonazistischen Szene im Vogtland und bewegte sich vor 15 Jahren auch im Umfeld von Blood & Honour. In den 1990er Jahre war er eine Führungsfigur der Kameradschaft „Braune Teufel“, die Mitte der 1990er Jahre ihre Aktivitäten fast ausschließlich nach Thüringen verlegt hatte und lange Zeit maßgeblich für die Organisation des Rudolf Heß Fußballturniers verantwortlich war. In Greiz baute er 1995 die extrem rechte Szene auf und lernte während seiner Lehre in Altenburg bei JN-Treffen die auch heute noch aktiven Neonazis Jörg Krautheim und Gordon Richter kennen. Seit 2001 war Köckert vor allem für die Organisation von Rechtsrock-Konzerten verantwortlich, später kümmerte er sich um den Neonazi-Laden „Ragnarök“ seiner damaligen Lebensgefährtin im sächsischen Teil des Vogtlandes. Anfang Oktober 2003 wurde das „Ragnaröck“ im Zuge einer groß angelegten Razzia gegen Neonazis und Wirtschaftskriminelle durchsucht. Gefunden wurden neben diversen Nazidevotionalien und indizierter Musik auch eine Hitlerbüste. Der Laden wurde schnell zum Treffpunkt der vogtländischen Neonazi-Szene, bis die Stadt Mylau die Immobilie, in dem er sich befand, aufkaufte.

Knapp fünf Jahre später wurde Köckert mit mehreren rassistischen Demonstrationen in Greiz bekannt, auch weil er zu diesem Zeitpunkt Mitglied der AfD war. Nach dem Fall von Patrick Wieschke wurde er im Januar 2015 Landesorganisationsleiter der Thüringer NPD. Mit dem Scheitern der Sügida-Demonstrationen in Suhl und der Transformation zu „Thügida“ zunächst in Erfurt und dann in ganz Thüringen wurde Köckert zu einer neuen Ikone. Als regelmäßiger und zentraler Redner bei Thügida erlangte er thüringenweite Bekanntheit in der extrem rechten Szene und ist seither unzertrennlich mit „Thügida“ verbunden. Neben mehreren Verfahren wegen Körperverletzungen gegen politische Gegner, illegalen Rechtsrock-Konzerten und illegalen Nazi-Symbolen wurde gegen Köckert in der Vergangenheit auch wegen Betruges, Versicherungsbetrugs, Kreditkartenbetrugs und Sozialversicherungsbetrugs ermittelt. Im Juli 2015 hatten wir über ein eingeleitetes Insolvenzverfahren gegen ihn berichtet.

Köckert (links) bei einem Treffen in Leipzig im Juli 2015, daneben Frank Rohleder, Hanjo Wegmann und Ringo Köhler

Köckert (links) bei einem Treffen in Leipzig im Juli 2015, daneben Frank Rohleder, Hanjo Wegmann und Ringo Köhler

Nach Mitgliedschaft bei AfD wechselte Köckert zur NPD. Der Kinderfreund Patrick Wieschke machte daraus einen NPD-Wahlvideo im Landtagswahlkampf 2014 - ohne Erfolg

Nach Mitgliedschaft bei AfD wechselte Köckert zur NPD. Der Kinderfreund Patrick Wieschke machte daraus ein NPD-Wahlvideo im Landtagswahlkampf 2014 – ohne Erfolg

Am 25. Februar 2016 fand in der Eisenacher NPD-Zentrale eine Landesvorstandssitzung der Thüringer NPD statt, welche sich zurzeit in einem maroden Zustand befindet. Obwohl der Landesvorstand aus neun Personen besteht, habe Köckert nur den Vorsitzenden Tobias Kammler und dessen Stellvertreter Thorsten Heise und Patrick Weber über seinen Rücktritt „aus persönlichen Gründen“ am selben Tag informiert. Man wolle „unabhängig davon weiterhin wie gewohnt zusammenarbeiten“ heißt es in der Mitteilung. In den vergangenen Monaten spielten die drei Personen, die die Partei repräsentieren sollen für die NPD keine sonderliche Rolle, da vor allem Köckert mit den Thügida-Demonstrationen aktiv war. Der Rücktritt kommt überraschend eine Woche vor der mündlichen Verhandlung im NPD-Verbotsverfahren, für das die Bundesländer bereits zugesichert hatten, im Jahr 2012 alle V-Männer abgezogen zu haben. Redebeiträge von Köckert spielen ebenfalls im NPD-Verbotsverfahren eine Rolle. Trotz Insolvenzverfahren und Firmenpleite gehörte Köckert zu den reisefreudigsten Thüringer Neonazis, die Woche für Woche unterwegs waren. Auch die Thüringer NPD wirbt unterdessen mit der Kampagne „Nein zum Parteiverbot – ich stehe zur NPD“. Köckert, der nun auch seine bisher genutzten Facebook-Profile abgeschaltet hat, kündigte zuletzt diffus eine neues Projekt oder eine neu Vernetzung an, reiste dazu für Treffen nach Berlin und Süddeutschland. Am 6. Februar 2016 nahm er am Trauermarsch von Michel Fischer in Weimar teil. Bei der NPD-Landesvorstandssitzung am 25. Februar war auch eine NPD-Veranstaltungstour Thema. Zwischen dem 15. März und dem 2. April sollen acht Kundgebungen und Demonstrationen der Thüringer NPD stattfinden. Auffällig dabei ist, dass die Orte mit Ausnahme von Meiningen alle in West-, Mittel- und Nordthüringen liegen. Keine einzige Station ist in Ostthüringen vorgesehen, was auch mit dem Wegfall von Köckert zu tun haben könne. Während Tobias Kammler und Patrick Weber nach außenhin weiterhin den Anschein von Seriösität erwecken wollen, gab sich Köckert zuletzt auf Krawall gebürstet. Er redete von einem existierenden Ausnahmezustand in Deutschland und kündigte für den 20. April 2016, dem Geburtstag von Adolf Hitler, einen Fackelmarsch in Jena an, wo er bereits bei seinen letzten Demonstrationen auf starken Protest stieß. Über Facebook schimpfte er vor der Abschaltung der Profile auch über „korrupte“ Funktionäre in der Eisenacher NPD-Zentrale, die nur an den Beiträgen der Thüringer Parteimitglieder interessiert seien. Momentan laufen weitere Ermittlungen der Polizei gegen Köckert, unter anderem wegen Volksverhetzung. Mit seinem Rücktritt gehört er ab sofort nicht mehr dem Thüringer NPD-Landesvorstand an.

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