Falsches Haus besetzt – „Identitäre Bewegung Thüringen“ floppt in Schlotheim

Neonazis behaupten, im Unstrut-Hainich Kreis ein „geplantes Asylbewerberdorf“ besetzt zu haben, die Aktion stellt sich jedoch als Flop heraus. Statt Besetzung gab es ein halbstündiges Fotoshooting, gemeinsam mit Kevin Schulhauser kletterten sie außerdem auf das falsche Haus.

„Identitäre Bewegung Thüringen“ mit früheren NPD-Landesschulungsleiter Kevin Schulhauser

Twittermeldung der Identitären Bewegung Deutschland am 11. Oktober 2015, rechts am Rand mit Fackel: Kevin Schulhauser

Twittermeldung der Identitären Bewegung Deutschland am 11. Oktober 2015, rechts am Rand mit Fackel: Kevin Schulhauser

„Gestern besetzten Aktivisten in Schlotheim kurzzeitig ein geplantes Asylbewerberdorf“ so lautete die Schlagzeile, die am 11. Oktober 2015 über den Twitteraccount der Identitären Bewegung Deutschland (IBD) ging. In sozialen Netzwerken wurde die Nachricht gerne geteilt, vor allem ein Thüringer strahlte vor Freude: Kevin Schulhauser aus Ronneburg. Bei der Schlammschlacht gegen den früheren NPD-Landesvorsitzenden Patrick Wieschke vor einem Jahr war Schulhauser, der für die NPD zu mehreren Wahlen als Kandidat antrat, einer der ersten, der am Stuhl von Wieschke sägte. Obwohl er auch engagiert das „Nationale Bildungswerk Ronneburg“ betrieb, konnte er nicht die besten Beliebtheitswerte in der Szene vorweisen und machte sich als Querulant schnell Feinde. Der heutige NPD-Landesorganisationsleiter David Köckert drohte ihm damals: „Dir geht es nicht um Thüringen, dir geht es um dein Ego“ und kündigte an, ihn wegen nicht bezahlter Beiträge aus dem NPD-Kreisverband Greiz zu werfen. Besonders unglücklich: Im Zuge der Missbrauchsvorwürfe gegen Wieschke wurden auch Missbrauchsvorwürfe gegen Schulhauser bekannt.

Kevin Schulhauser auf der AfD-Demonstration in Erfurt mit T-Shirt der Identitären Bewegung am 16. September 2015

Kevin Schulhauser auf der AfD-Demonstration in Erfurt mit T-Shirt der Identitären Bewegung am 16. September 2015

Er selbst räumte am 7. September 2014 auf seinem Facebook-Profil ein, das die Polizei wegen Missbrauch von Minderjährigen vor ein paar Jahren gegen ihn ermittelt hatte. Das Verfahren sei laut Schuhauser jedoch eingestellt worden, weil es weder Zeugen gab noch ein Opfer, das bei der Polizei aussagen wollte. Schulhauser entfernte sich aus der NPD oder wurde gegangen und bewegt sich seither in der politischen Bedeutungslosigkeit. Sein neuestes Projekt: Die Identitäre Bewegung nach Thüringen holen, eine völkisch-nationalistische Spielart der neuen Rechten, die den großen „Bevölkerungsaustausch“ halluziniert und dabei Aktionismus sowie popkulturelle Stilmittel in den Vordergrund rückt. Im Sommer 2015 ging zunächst eine Facebook-Gruppe „Identitäre Bewegung Jena“ online und Flugblätter wurden in der dortigen Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek verteilt. Kurze Zeit später wurde dieselbe Seite in eine „Identitäre Bewegung Thüringen“ gewandelt, von nun an wurde über Ortsgruppen in Jena sowie Gera/Greiz berichtet. Mit Flugblättern, zwei gemalten Transparenten und schwarz-gelben Luftballons, die man in den Himmel entsandte, wollten die Identitären Aufmerksamkeit erreichen, vergeblich.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Aus dem Aktionsvideo der Identitären zu Schlotheim

Aus dem Aktionsvideo der Identitären zu Schlotheim

Während die „Identitäre Bewegung“ anderswo, wie in Paris oder in Wien, Gebäude der Europäischen Union besetzte, wollte Schulhauser auch endlich ganz pompös wie der Phönix aus der Asche aufsteigen. Doch statt ein „Asylbewerberdorf“ zu besetzen sorgte die Truppe eher für Erheiterung. Die neue so genannte „Identitäre Bewegung Thüringen“ rückte am 10. Oktober mit 7 Personen in der Plattenbausiedlung am Flugplatz in Obermehler  an. Die Gemeinde in der Verwaltungsgemeinschaft Schlotheim liegt etwa zwölf Kilometer nordöstlich von Mühlhausen.  Unter diesen 7 Identitären befand sich nach eigener Aussage bereits tatkräftige „Unterstützung von den Jungs und Mädels aus Sachsen“. Wenn die „Identitäre Bewegung Thüringen“ vorgibt, über Ortsgruppen in Jena und Gera/Greiz zu verfügen, dürfte sich deren bisherige Mitgliederzahl jeweils zwischen 1 und 2 Personen bewegen. Der Landkreis Unstrut-Hainich plant in den kommenden Monaten in mehreren Plattenbauten in Obermehler einige Hundert Flüchtlinge unterzubringen. Kevin Schulhauser und seine Truppe brachten zwar extra eine Leiter mit, weil diese aber nicht lang genug war, um auf eines der Gebäude zu klettern, in welches tatsächlich Flüchtlinge einquartiert werden sollen, bestiegen sie kurzer Hand das falsche Haus. Sie kletterten auf das Vordach der alte Schule, welche derzeit im Besitz der Firma Rotorvox ist. Rotorvox produziert Gyrokopter, also kleine Tragschrauber, die mit einem anderen Antriebsprinzip fliegen. Es war nie beabsichtigt, in das Gebäude Flüchtlinge einzuquartieren. Stattdessen sollten Mitarbeiter des Landratsamtes Unstrut-Hainich vom neu geschaffenen Fachdienst Migration und Sozialarbeiter sowie medizinisches Personal dort nach Sanierungsmaßnahmen vorübergehend einziehen, ehe das Gebäude in den nächsten 5 Jahren wieder Stück für Stück an die Firma zurückgeht.

Neonazis aus Sachsen und Thüringen besprühen Gehwege in Obermehler

Neonazis aus Sachsen und Thüringen besprühen Gehwege in Obermehler am 10. Oktober 2015

Auch die „Besetzung“ hielt nicht lange an und glich eher einem inszenierten Fotoshooting. Nach kurzer Zeit sollen die Identitären ohne große Aufmerksamkeit freiwillig wieder abgerückt sein. Auf Facebook gestand die Thüringer Gruppe ein, nur auf ein Verwaltungsgebäude geklettert zu sein. Kevin Schulhauser nennt es „kreative Aktionen“. Auf seiner inzwischen abgeschalteten Homepage „Nationales Bildungswerk Ronneburg“ bot er 2013 sogar ein Seminar unter dem Titel „Kreativer Aktionismus“ an und verwendete dazu das Logo des verbotenen „Abschiebärs“ der niedersächsischen Neonazi-Gruppe „Besseres Hannover“. Schulhauser wurde angezeigt und musste wegen des Verstoßes schließlich kreative 1.800 € Strafe bezahlen. Auch die Besetzung in Obermehler, die keine Besetzung war, könnte für den 26-jährigen noch teuer werden: Gleich drei Anzeigen sollen inzwischen gegen Schulhauser eingegangen sein. Wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz, weil die geplante Versammlung in Obermehler nicht angemeldet war. Außerdem in zwei Fällen wegen Sachbeschädigung, weil Gehwege besprüht wurden und weil Schulhauser auf Fotos mit einer bengalischen Fackel auf dem Vordach zu sehen war, aber keine Ausnahmegenehmigung nach der ersten Verordnung zum Sprengstoffgesetz beantragt hatte. Nun kann sich der Thüringer Identitären-„Führer“ schonmal kreativ ins Zeug legen und für den großen (Geld-)Austausch wieder anfangen zu sparen.

Nachtrag: Reaktionen aus der Neonazi-Szene – Identitäre Bewegung sieht „Glaubhaftigkeit“ ihres Protestes durch Berichterstattung beeinträchtigt

Andere Perspektive der glorreichen "Besetzung eines geplanten Asylbewerberdorfes": Maximale Arbeitshöhe der Leiter: ca 4 Meter, einzige Option: Vordach der alten Schule auf 3,5m Höhe

Andere Perspektive der glorreichen „Besetzung eines geplanten Asylbewerberdorfes“: Maximale Arbeitshöhe der kleinen Leiter (rechts): ca 4 Meter, einzige Option: Vordach der alten Schule auf 3,5m Höhe

Nach diesem Artikel erreichten uns noch drei Reaktionen, die wir nicht vor enthalten möchten. Zum einen teilte uns der Motorad-Rocker Markus Werner aus Schlotheim im Original mit: „in einigen wenigen tagen Kommt mich der Kevin besuchen“, dann würde man nicht mehr nur zu dritt sein. Es würde nämlich „auf einmal ganz Schlotheim in Bewegung sein!!!“. Wir hoffen, dass Herr Werner uns über die aktuelle Entwicklung weiterhin auf dem Laufenden hält. Ein Erfurter Neonazi, der noch mit Schulhauser gemeinsam die AfD-Demonstration am 16. September besuchte kritisiert den Ronneburger  öffentlich auf dessen Facebook-Profil. „Die Aktion ist schlecht“, Schulhauser würde damit „Leute verheizen“ und auch die „Sprühaktion ist dämlich und leichtsinnig“. Schulhauser löschte die Kritik daraufhin .Außerdem berichteten nun auch andere über die Identitären-Aktion aus Thüringen, wie die Onlineausgabe vom Magazin „Stern“ unter dem Titel „Rechte besetzen falsches Haus – weil die Leiter zu kurz ist“. Die „Identitäre Bewegung Thüringen“ brachte das jedoch auf die Palme, was dazu führte das Kevin Schulhauser ein Statement im Namen des Thüringer Gruppe verfasste. In der Stellungnahme heißt es, der Stern „versucht den Eindruck zu erwecken, es wäre bei einer Aktion der Identitären Bewegung Thüringen in Obermehler das „falsche Gebäude besetzt“ worden, weil „die Leiter zu kurz war““. Nach Berechnung der Identitären würde es außerdem nicht das falsche Haus sein. Fakt ist: Die Identitäre Bewegung Deutschlands sprach von der Besetzung eines „geplanten Asylbewerberdorfes“, doch weder wurde tatsächlich etwas besetzt, noch ein ganzes „Asylbewerberdorf“ und schon gar nicht irgendein Gebäude, das als neue Unterkunft für Flüchtlinge vorgesehen war.

Reaktion eines Schlotheimers "in wenigen tagen Kommt mich der Kevin besuchen", dann würde man nicht mehr nur zu dritt sein. Es wird nämlich "auf einmal ganz Schlotheim in Bewegung sein!!!"

Reaktion eines Schlotheimers „in wenigen tagen Kommt mich der Kevin besuchen“, dann würde man nicht mehr nur zu dritt sein. Es wird nämlich „auf einmal ganz Schlotheim in Bewegung sein!!!“

Die tatsächlich dafür vorgesehenen Gebäude hätten mit einer Leiter bestiegen werden müssen, die über 5 Stockwerke reicht. Weil die von den Identitären mitgebrachte Leiter mit einer ausfahrbaren Länge von ca. 4 Metern jedoch zu kurz war entschieden sich die Neonazis, die einzige Möglichkeit zu nutzen, um die mitgebrachten Signalfackeln und Transparente noch irgendwie fotowirksam vor einem Haus in der Wohnsiedlung einsetzen zu können. Sie kletterten auf das nur 3,5 Meter hoch gelegene Vordach der alte Schule. Das Haus ist nicht als Unterkunft für Flüchtlinge vorgesehen, sondern wie bereits geschrieben als Verwaltungsgebäude für medizinisches Personal und den neu geschaffenen Fachdienst Migration und Sozialarbeiter vom Landratsamt angedacht. Weil diese (deutschen) Verwaltungsmitarbeiter in Obermehler dann aber auch irgendwann mit den Nichtdeutschen aus den geplanten tatsächlichen Flüchtlingsunterkünften in der Umgebung zu tun haben würden wie bei der medizinischen Hilfe, sei die Aktion schon irgendwie gerechtfertigt, meint jedenfalls Kevin Schulhauser. In der Stellungnahme der „Identitären Bewegung Thüringen“ wird außerdem der nun erlittene Imageschaden für die Thüringer Neonazi-Gruppe kritisiert. „Durch die aufgestellten Behauptungen entsteht der Eindruck einer schlechten Organisation was die Glaubhaftigkeit unseres Protestes beeinträchtigt.“ Schlimm, schlimm, schlimm. Dazu bleibt nur zusagen: Weder Thüringen Rechtsaußen noch der Stern hätten sicherlich niemals die Absicht, die Glaubhaftigkeit diese „Besetzung eines geplanten Asylbewerberdorfes“ in Frage zu stellen. Ganz sicher.

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