Der namenlose „Freie Aktivist aus Thüringen“: Michael Zeise aus dem Weimarer Land

Immer wieder taucht in Veranstaltungsankündigungen von Neonazis ein namenloser „freier Aktivist aus Thüringen“ oder „freier Nationalist aus Thüringen“ auf, der im Gegensatz zu anderen Rednern viel Wert darauf legt nicht beim Namen genannt zu werden. In beinahe allen Fällen seit ca. einem halben Jahrzehnt handelt es sich dabei um den 27-jährigen Michael Zeise, welcher auch 2014 und 2015 eine federführende organisationsübergreifende Rolle in der Thüringer Neonazi-Szene einnahm und auch als gewalttätiger Anheizer agiert.

Michael Zeise am 7. Februar 2015 in Weimar

Michael Zeise am 7. Februar 2015 in Weimar (Foto: Lukas Beyer)

Der geborene Weißenfelser, der lange Zeit in Apolda lebt(e), wurde teilweise auch als „Aktivist aus dem Weimarer Land“ angekündigt, wie beispielsweise als Redner zum 10. Thüringentag der nationalen Jugend in 2010 Pößneck sowie beim Thüringentag 2013 in Kahla. In den vergangen Monaten war er besonders umtriebig und gehörte zum Organisationskreis des “Thüringer Heldengedenken”, welches in Friedrichroda nach einem Flopp im Vorjahr wieder rund 120 Neonazis zum Fackelmarsch am 16. November 2014 mobilisierte. Zeise hielt dort genauso einen Redebeitrag wie am 7. Februar 2015 zum „Trauermarsch“ in Weimar mit 130 Neonazis. Redebeiträge folgten auch bei mehreren Thügida-Demonstrationen wie am 23. Februar in Erfurt, am 18. April „gegen Überfremdung“ in Gotha sowie am 1. Mai 2015 beim III. Weg in Saalfeld, wo er stets mit Sonnenbrille, rotem Bärtchen und Basecap hinter dem Mikrofon stand. Ebenso in Sachsen-Anhalt war er im 1. Halbjahr 2015 viel mit Beiträgen präsent, zum Beispiel bei Neonazi-Veranstaltungen in Halle, Halberstadt und Merseburg.

Hetzreden bei Aufmärschen in Thüringen und anderen Bundesländern
zweise-weimar3Mit seinen Wortmeldungen versucht er auch gezielt den aktionistischen und militanten Teil innerhalb der „Freien Kräfte“ anzusprechen. Bei der ersten Thügida-Demonstration heizte er die Menge an und verkündete vom Lautsprecherwagen aus in Richtung einer friedlichen Sitzblockade: „Wären hier nicht so viele Polizisten, dann würde euch das Volk mal zeigen, was es von eurer Nummer hält“, woraufhin die Neonazis „Düberlaufen, Drüberlaufen“ skandierten und Zeise mit weiteren Durchhalte-Parolen motivieren zu versuchte, darunter: „Wir bleiben hier der Herr im Haus, unsere Städte unsere Regeln“. Zeise selbst ist als Gewalttäter bekannt und scheut sich auch nicht vor Handgreiflichkeiten und Attacken bei jenen Demonstrationen, bei denen er selbst als Redner auftritt. Wenige Wochen nach den Hooligan-Ausschreitungen in Köln verkündete er öffentlich Sympathien mit den Hooligans von „HoGeSa“. Zwar seien die Leute nicht alle „auf Linie“, aber im „Kampf um das Überleben“ und gegen den Volkstod kämpfe man mit den „vermeintlich etwas grobschlächtigen Recken“ auf der selben Seite, so Zeise. Beim Trauermarsch von Michel Fischer im Februar 2015 trug Zeise während seiner Rede bereits eine Mütze der Partei „Der III. Weg“ und forderte „70 Jahre sind genug“. Man müsse sich vom „Deutschen Schuldkult“ lösen und benötige ein „artgerechtes Leben in unserer Heimat ohne Entartung und Entfremdung“, ehe er Asylsuchende mit „Affen“ gleichsetzte und Protestierende zum „Abschaum“ erklärte. Sein Kernthema bestand jedoch aus der geschichtsrevisionistischen Verklärung der Bombenangriffe auf Weimar 1945 und einer Täter-Opfer-Umkehr bei den NS-Verbrechen. Zeises Dank an die deutschen Soldaten von damals überrascht dann ebenso wenig, wie der Respekt an „den großartigsten Mann den die Geschichte je gesehen hat“. Auch ohne den Namen Hitler aussprechen zu müssen, wussten die Teilnehmer des „Trauermarsches“ wer wohl damit gemeint war.

Verbindung zum NSU-Helfer Ralf Wohlleben

Ralf Wohlleben übernahm Geldzahlung für Zeise

Beispiel: Ralf Wohlleben übernahm Geldzahlung für Zeise, 16. März 2010, am 29. November 2011 wurde Wohlleben als mutmaßlicher NSU-Helfer verhaftet

Bereits in den Jahren 2009/2010 trat Zeise als Führungsfigur der „Autonomen Nationalisten Weimar“ in Erscheinung, stolperte jedoch sehr bald über die Tücken des „Weltnetzes“, als das von ihm betreute Emailpostfach der „AN Weimar“ gehackt wurde. So hatte Michael Zeise auch regen Kontakt mit dem Jenaer Neonazi Ralf Wohlleben, der inzwischen als mutmaßlicher NSU-Helfer seit 3,5 Jahren in Untersuchungshaft sitzt. Am 20. Juni 2009 übermittelte Wohlleben über die Emailadresse des Aktionsbüro Thüringen im Anschluss an ein internes Koordinierungstreffen an Zeise eine Kontaktliste mit Mobilnummern und Mailadressen von Führungspersonen aus Erfurt, Jena, Gera, Südthüringen, Saalfeld, dem Altenburger Land und anderen Orten. Auch Zeise nahm als Vertreter der „Autonomen Nationalisten Weimar“ bei derartigen Treffen teil. Er und Wohlleben tauschten Texte aus und führten Absprachen durch. So erhielt Zeise beispielsweise am 16. September 2009 von „Wolle“ die Einladung für das nächste Thüringer Koordinierungstreffen, welche bis zur Schließung vor allem im „Braunen Haus“ in Jena stattfanden. Wenige Tage später am 28. September folgte der Hinweis von Wohlleben für eine nicht öffentlich beworbene „Spontandemonstration“ am Folgetag in Arnstadt und am 30. Oktober ein 7-seitiger Bericht eines SS-Unterscharführers über dessen Erlebnisse kurz vor Kriegsende 1945. Wohlleben unterstützte Zeise auch bei einer Geldzahlung an die Berliner Neonazi-Szene um Sebastian Schmidtke im Vorfeld eines Neonazi-Aufmarsches am 1. Mai 2010 in Berlin. Der Apoldaer versprach den Berlinern „wir werden eure Demo ebenfalls unterstützen und hier in der Region kräftig dafür mobilisieren“. Über Wohllebens Paypal-Account wurde dann die Bestellung von 1000 Flugblättern, 50 Plakaten und 500 Aufkleber abgewickelt, „Wolle“ quittierte am 16. März 2010 „Geld ist raus“ und das Material landete bei Zeises Privatadresse in Apolda. Am 1. Mai sollte jedoch gleichzeitig eine Demonstration der Thüringer NPD in Erfurt stattfinden.

Kontaktliste Führungspersonen der "Freien Kräften" in Thüringen 2010, Email von Wohlleben an Zeise

Kontaktliste Führungspersonen der „Freien Kräften“ in Thüringen 2010, Email von Wohlleben an Zeise

Im Vorfeld revoltierten bereits „Freie Kräfte“ aus Thüringen, angeführt von Wohlleben gegen diese Demonstration. Im kleinen Kreis von 14 Führungspersonen aus NPD und „Freien Kräften“ in Thüringen, darunter Michael Zeise, folgte eine tagelange Schlammschlacht zwischen Wohlleben und Wieschke. Wohlleben warf Wieschke damals vor, der Titel der Demo “NPD und Freier Widerstand Thüringen: 1. Mai 2010 – Arbeit statt Abwanderung” sei gelogen, weil der Freie Widerstand gar nicht gefragt wurde. Außerdem wäre Wieschke wegen verschiedenster Eskapaden ungeeignet als Koordinator für diese Demo, Wieschke hätte zudem den bei „Freien Kräften“ hoch angesehenen Rechtsterroristen Peter Nürnberger als ‚Assi‘ bezeichnet, würde nur lügen und hätte Wohlleben schließlich Ende 2009 bei der Betreuung der Seite http://www.npd-thueringen.de mit „sofortiger Wirkung untersagt (…) ohne Genehmigung des Landesvorstandes Artikel einzustellen“. Wieschke wiederum verwies auf den Rückhalt des NPD-Landesvorstandes und beklagte Zugriffseinschränkungen durch Wohlleben, welcher ankündigte „ein Forum für den gesamten Landesverband nur dann zu erstellen, wenn ich dort kein Administrator werde“. Auch Zeise meldete sich zur Demoplanung zu Wort: “ auch von uns kommt für diese Sache eine Absage“, für den 1. Mai bestünden andere Planungen (Berlin), es gebe keinen Sinn für eine Demo in Erfurt und überhaupt sei der „Umgang mit freien bzw. schwarz gekleideten Kameraden noch in bester Erinnerung“. Eine Anspielung auf restriktive Kleidungsvorschriften der Thüringer NPD, die darauf abzielten die bürgerliche Fassade zu wahren und dem Auftreten „Autonomer Nationalisten“ Einhalt zu gebieten. Der Streit gipfelte in einer Stellungnahme mit dem Titel „Erklärung parteifreier Kräfte zur 1.Mai Demonstration in Erfurt“ welche Wohlleben verfasste, um „über die wahren Vorgänge zu informieren“. Zeise antwortete: „So an sich gut geschrieben und treffend formuliert“ und ließ die „Autonomen Nationalisten Weimar“ drunter setzen. Weitere Unterstützer der Schrift, die im Februar 2010 veröffentlicht wurde, waren das FN Jena, das FN Saalfeld, Freie Kräfte Mitte- und Südthüringen, Smash the Exploiters, Media Pro Patria und Freie Kräfte Saale Orla.

Leitfaden zur Begehung von Straftaten

Interne Leitfaden für Nazi-Schmierereien und Plakatierungen, Autoren: Tobias Winter & Michael Zeise, 16.09.2009 (Entwurf-Version, Fehler im Original)

Interner Leitfaden für Nazi-Schmierereien und Plakatierungen in Thüringen, Autoren: Tobias Winter & Michael Zeise, 16.09.2009 (Entwurf-Version, Fehler im Original)

Zeise gehörte zu jenen Reisegruppen von „Autonomen Nationalisten“ aus Thüringen, die regelmäßig auch bundesweite Neonazi-Aufmärsche besuchten. Zu seinen Kontakten gehörte auch der Normannia-Burschenschafter Tobias Winter aus dem Umfeld des FN Jena/Kahla, über dessen Blood & Honour Verbindungen wir hier berichtet haben. Zeise und Winter haben zusammen Texte unter dem Namen der „Autonomen Nationalisten Weimar“ geschrieben, in einem heißt es: „Nationalismus bedeutet nicht nur, sich nationale Rockmusik anzuhören, oder alle drei Strophen der Nationalhymne zu kennen! Nationalismus bedeutet vor allem, Deutsch zu leben, Deutsch zu denken und Deutsch zu fühlen“. Ab dem 16. September 2009 fertigten beide einen internen Verhaltenskatalog an, die Entwurfsfassung dazu kam von Tobias Winter unter dem Namen „Autonomen Nationalisten Weimar“ und dem Titel „Regularien zur Verziehrung“. In dem Papier wird Thüringer Neonazis erklärt, wie diese am besten politisch motivierten Sachbeschädigungen zu verüben haben. Mit „Verzierungen“ sind dabei in erster Linie Neonazi-Sprühereien und Plakatierungen gemeint. Darin heißt es, dass solche Aktionen an Kaufhallen und öffentlichen Läden zu vermeiden sind, ebenso an Gebäuden mit „kulturellen Hintergrund“. Gleichwohl wird betont, das Schulen ausdrücklich für Sprühereien und Klebeaktionen erlaubt seien. Außerdem „Busse, Straßenbahnen, oder sonstige öffentliche Verkehrsmittel, da so ein größeres Gebietssprektrum mit unserer Sache beworben werden kann.“ Weiterhin werden aufgezählt: „Litfaßsäulen, Transformatorhäuschen, Fassaden/Garagentoren von leerstehenden Gebäuden, Bushaltestellen, Das Bürgerbüro der Linkspartei oder anderen Einrichtungen des politischen Gegners insbesondere vermeintlich soziokulturelle Zentren mit mutmaßlich linken Hintergründen“. Damit die Polizei die Täter möglichst nicht erwischt, wurde darauf hingewiesen, die Straftaten nur „im Schutze der Dunkelheit zu verüben, da so eine größere Möglichkeit besteht unerkannt zu bleiben!“. Außerdem sollen die Aktionen „nur mit mindestens Zwei Personen erfolgen“ und das „Gesicht sollte, so gut es geht, verdeckt bleiben“. Dies könne „durch Palitücher, schwarze Tüchern oder sonstigen Textilien umgesetzt werden. Dabei getragene Kleidung sollte möglichst ohne Aufdruck konzipiert dein, um einen möglichen Wiedererkennungswert des Gegners zu unterbinden.“ Generell sei „vor jedem einzelnen Vorhaben höchste Umsichtigkeit“, außer bei „Schnipselaktionen zu Gedenktagen“, diese können auch von Einzelpersonen umgesetzt werden. Abschließend heißt es „Eventuelle „Fluchtgassen“ sind vorweg zu analysieren! Prinzipiell ist über jede verübte Aktion absolutes Stillschweigen zu bewahren!“. Nach dem vorliegenden Papier sind in der Folgezeit eine Vielzahl von Straftaten nach diesem Schema in Weimar und im Weimarer Land von Neonazis verübt worden. Zeise agierte im Internet auch unter dem Pseudoym „Sören Bergvist“ sowie im Neonazi-Forum „Thiazi“ mit dem Namen „Alerta NS“.

Saalfeld 1. Mai 2015: Michael Zeise (links) auf dem Lautsprecherwagen, rechts daneben mit rotem T-Shirt Matthias Fischer vom "Dritten Weg" aus Bayern (Foto: Presseservice Rathenau)

Saalfeld 1. Mai 2015: Michael Zeise (links) auf dem Lautsprecherwagen, rechts daneben mit rotem T-Shirt Matthias Fischer vom „Dritten Weg“ aus Bayern (Foto: Presseservice Rathenau)

Zuletzt trat Zeise am 1. Mai 2015 in Saalfeld bei der Demonstration vom III. Weg als Redner auf und würdigte den „Arbeiterkampftag“ seit 1933. In seiner Rede hieß es unter anderem „Ein Gespenst geht um in Saalfeld, ein Gespenst des nationalen Sozialismus. (..) Heute gibt es nicht Sügida, heute gibt es das Original“ womit er die besonders radikal auftretenden Neonazi-Szene gemeint haben dürfte, welche über den Tag hinweg mehrfach Gegendemonstranten, Polizisten und Journalisten attackierte. Bislang betreibt Zeise weiterhin sein „Hopping“ zwischen den verschiedenen Neonazi-Organisationen, es bleibt abzuwarten ob er sich in diesem Jahr noch irgendwo binden wird. Wo Nazi drin ist, kann man zumindest auch Nazi drauf schreiben. Drückeberger Zeise kann sich die Heimlichtuerei künftig auch sparen und mit seinem Klarnamen zu seinen Hetzreden stehen.

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