Führungswechsel bei der Thüringer NPD: Wieschke geht, Tobias Kammler kommt

Am Wochenende fand in der Landesgeschäftsstelle der NPD in Eisenach der Landesparteitag der Thüringer NPD statt. Wieschke trat nicht mehr als Kandidat für den Landesvorstand an, platzierte dort stattdessen seine loyale Führungsriege. An der Spitze des Landesverbandes steht nun Tobias Kammler, der den Verband aus den Skandalen rausholen sollte, jedoch selbst etwas vorbelastet ist.

Patrick Wieschke – Vom Landesvorsitzenden zur Grauen Eminenz

Misshandlungen und Prügeleien wurden ihm spät, aber dann doch noch zum Verhängnis: Wieschke ist politisch beschädigt (altes Foto)

Misshandlungen und Prügeleien wurden ihm spät, aber dann doch noch zum Verhängnis: Wieschke ist politisch beschädigt (älteres Foto)

Patrick David Wieschke ist nach drei Jahren nicht mehr Vorsitzender der NPD in Thüringen. Nach dem gescheiterten Landtagswahlkampf und den aufgetauchten Ermittlungsakten ist Wieschke auch parteiintern so stark unter Druck geraten, dass er am vergangenen Samstag nicht erneut für ein Amt im Landesvorstand kandidierte. Wieschke schafft es dennoch weiterhin den Landesverband maßgeblich zu kontrollieren, da es ihm gelang, eine ihm getreue Gruppe von Neonazis im Vorstand zu platzieren und die parteiinternen Gegner gänzlich aus Führungspositionen rauszuhalten. Mit Tobias Kammler (geb. 1986) wird nun der ehemalige Landesgeschäftsführer und Presseverantwortliche der NPD-Thüringen als Vorsitzender agieren. Kammler gehört schon seit vielen Jahren zu Wieschkes Vertrauten und engen Freunden und so verwundert es kaum, dass Wieschke in einer ersten Erklärung seinen „Freund Tobias Kammler“ als Nachfolger benennt. Damit gelang Wieschke faktisch eine weitere Führung des Verbandes in seinem Sinne. Die beiden sind nicht nur freundschaftlich verbunden sondern mit dem Kleidungsvertrieb „Hemdster“ auch Geschäftspartner. Als stellvertretende Vorsitzende wurden der Neonazi Thorsten Heise aus dem Eichsfeld und der Versandhändler und extrem rechte Musikproduzent Patrick Weber aus Sondershausen gewählt. Der mächtige Neonazi Thorsten Heise lässt sich in Thüringen wohl kaum aus dem Vorstand wegdenken, wenn er auch sicher alles andere als ein Vertrauter von Wieschke ist. Weber, Spitzname „Webster“, hingegen gehört ebenfalls zum Kreis um Wieschke.

Hat sich abgeseilt, bleibt aber dem Landesverband weiterhin erhalten: Wieschke kümmert sich nun um die Eisenacher Naziimmobilie.

Hat sich abgeseilt, bleibt aber dem Landesverband weiterhin erhalten: Wieschke kümmert sich nun um die Eisenacher Naziimmobilie.

Mit Antje Vogt (geb. Ebel, Mihla) und Hendrik Tilmann Heller (Bad Salzungen) gehören weitere Wieschke-Vertraute aus dem Wartburgkreis dem neuen Vorstand als Beisitzer an. Ein Drittel des neuen Vorstandes stammt also aus dem Wartburgkreis und damit Wieschkes Heimatkreis. Ein weiterer Beisitzer und neuer Landesorganisationsleiter ist der Greizer Neonazi David Köckert. Er gehörte in den letzten Wochen ebenfalls zu den Verteidigern Wieschkes und schoss immer wieder gegen Gegner wie Kevin Schulhauser auch öffentlich. Außerdem gehört wieder Jan Morgenroth aus Weimar dem Vorstand als Beisitzer an. Öffentlich tritt Morgenroth allerdings kaum in Erscheinung. Ebenfalls eher blasse Figuren im neuen Vorstand sind der aus Sömmerda stammende Philipp Rethberg, welcher bisher kaum in Erscheinung trat und der NPD-Kreisvorsitzende aus Nordhausen, Ralf Friedrich. Friedrich ist in der NPD auch unter Wieschke erst zum Kreisvorsitzenden aufgestiegen und wurde bisher öffentlich kaum wahrgenommen.

 

Spaltung des Verbandes nicht vom Tisch

Der Landesvorsitzende mit dem glücklichen Händchen für das passende Textil: Tobias Kammler (Betreiber des Nazi-Hemden-Shops "Hemdster")

Texilspezialist Kammler

Von den öffentlich agierenden Gegnern Wieschkes, wie Kevin Schulhauser, Enrico Biczysko oder Daniel Madalschek konnte niemand eine Position im neuen Führungsgremium erlangen. Auch RNF-Landesvorsitzende Monique Möller, welche dem Landesvorstand bisher angehörte und zuletzt gegen Wieschke Position bezog, ist nicht mehr in dem Gremium vertreten. Ebenso wenig Biczysko, der seine Kandidatur vorher öffentlich ankündigte. Ob die offenen Wieschke-Gegner mit dem scheinbaren Rücktritt von Führungsverantwortung zufriedengestellt werden konnten, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Sollte eine erneute Integration dieser Gruppe nicht gelingen, werden wohl die bereits begonnen Verhandlungen mit alternativen Parteistrukturen der Neonazi-Szene weiter fortgesetzt: Profitieren könnte davon vor allem „Die Rechte“ und der „III. Weg“. Trotz des massiven innerparteilichen Drucks, dem Wieschke in den letzten Wochen ausgesetzt war, gelang ihm, in Thüringen weiterhin die Fäden in der Hand zu behalten. Sein Rücktritt war wohl unumgänglich, dennoch ist die Neubesetzung ein klares Statement in Richtung „weiter so“. Wieschke selbst kündigte indessen an, er wolle sich nun mehr um die neuerworbene Immobilie in Eisenach und deren Ausbau einsetzen. Außerdem wolle er sich wieder mehr um die lokalen Strukturen kümmern. Dass sich dies ausschließlich auf Parteistrukturen bezieht, ist eher unwahrscheinlich, da der Eisenacher bereits mehrfach öffentlich auch Kameradschaften die Nutzung der 2014 erworbenen Immobilie anbot. Für Eisenach könnte dies nun eine deutlich Erweiterung der örtlichen Neonazi-Aktivitäten bedeuten. Wie sich der Wechsel an der Spitze der NPD auf die gesamte extreme Rechte in Thüringen auswirken wird, wird sich wohl am ehesten an den anstehenden Demonstrationen und Rechtsrockveranstaltungen zeigen.

Wieschkes Ziehsohn und treuer Gefährte: Tobias Kammler

Kameradschaftliches Bodypainting: Wieschke bekritzelt Kammler, jetzt neuer NPD-Landesvorsitzender, mit den Namen von Mördern

Kameradschaftliches Bodypainting: Wieschke bekritzelt Kammler, jetzt neuer NPD-Landesvorsitzender mit Nazisymbolen und den Namen von Mördern

Kameradschaftliches Bodypainting: Wieschke bekritzelt Kammler, jetzt neuer NPD-Landesvorsitzender, mit den Namen von Mördern

Auf den Spuren des Führers: Auch Hitler wollte Kunstmaler werden. Hat jetzt mehr Zeit für seine künstlerische Ader: Wieschke trat nicht nochmal als Landesvorsitzender an

Mit dem Landesparteitag erhoffte man sich einen Neuanfang: Raus aus den Schlagzeilen, raus aus den Skandalen, zurück zur scheinbar seriösen Parteiarbeit. Mit Tobias Kammler an der Spitze scheint der Erfolg jedoch eher fraglich. Der ehemalige Staatswissenschaften-Student Kammler trat in den letzten Monaten immer wieder als selbsternannter „Rechtsexperte“ des Landesverbandes bei zahlreichen Klagen vor Gericht, von und gegen die NPD Thüringen, als deren Repräsentant auf. Innerhalb des Verbandes profilierte er sich unter anderem durch die federführende Mitwirkung an den NPD-Regionalzeitungen und an der NPD-Mitgliederzeitung „Thüringenstimme“, deren Herausgeber er zeitweise war. Auch organisierte er Busfahrten und Anti-Asyl-Kundgebungen, war außerdem in der extrem rechten Kulturvereinigung „Gesellschaft für Freie Publizistik“ (GFP) Leiter des „Arbeitskreises Westthüringen“. Nach dem Kammler bereits seit 2006 im Kreisvorstand des NPD-Kreisverbandes Wartburgkreis aktiv war, wurde er 2008 beim Elgersburger Parteitag in den Landesvorstand gewählt. 2009 gelang ihm der Einzug in den Kreistag des Wartburgkreises, seine Kandidatur auf Platz 7 der Liste zur Landtagswahl brachte ihm knapp über 6% ein. 2014 konnte er auf Platz 3 vorrücken, scheiterte aber wie der Rest der Partei erneut am Einzug in das Thüringer Parlament. Kammler übernahm bereits Funktionen als Presseverantwortlicher, „Rechtsamtsleiter“ und Landesgeschäftsführer innerhalb der NPD. Jenseits der Aufgaben im Hintergrund konnte sich der Bad Salzunger, der nun in Urnshausen wohnt und unüberhörbar an seinem rhönischen Akzent zu erkennen ist, auch bei öffentlichen Auftritten, wie mehreren Reden zu verschiedenen Veranstaltungen des „Thüringentages der nationalen Jugend“ präsentieren. Innerhalb der Thüringer NPD ist es auch nach der jetzigen Landesvorstandswahl kein Geheimnis, dass Kammler ein Ziehkind von Skandalkamerad Wieschke ist und damit in erster Linie auch dessen Interessen weiter vertreten wird.

Auch der neue Landesvorsitzende ist vorbelastet

Der 28-jährige hat aber auch schon selbst allerhand im „Nationalen Widerstand“ verbockt und bringt Erinnerungen mit, die ihn trotz des hohen Wahlergebnisses zum Landesvorsitzenden, auch für Wieschke-Gegner angreifbar machen. Bereits 2008 war Kammler für die Organisation des NPD-Landesparteitages und die Anmietung einer geeigneten Immobilie verantwortlich und wurde in Gaststätte in Raitzhain bei Ronneburg fündig. Den Vermieter versuchte er jedoch hinter die Fichte zu führen und verschwieg den NPD-Hintergrund der Anmietung, was dazu führte, das die NPD von der Polizei rausgeworfen wurde und dann frustriert eine Spontandemo in dem kleinen Ort durchführte. Die geplanten Wahlen mussten abgebrochen und mehrere Wochen später in Elgersburg nachgeholt werden. Mit der Trickser-Masche scheiterte er auch schon im Jahr zuvor, als er im Rathaus von Steinbach-Hallenberg versuchte, den Belegungsplan der Haseltal-Halle zu erschwindeln, um dort schließlich einen NPD-Landesparteitag ausrichten zu können.

Das Clown-Kostüm war vergriffen, Kammler bei NPD-Werbeaktion in Höchstform (Screenshot: AGST)

Das Clown-Kostüm war vergriffen, Kammler bei NPD-Werbeaktion in Höchstform (Screenshot: AGST)

Zwar gehört er zu den wenig NPD-Funktionären in Thüringen, die ein Gymnasium besuchten, doch änderte dies auch nichts daran, dass er bei Nazi-Straßentheatervorstellungen meist nur die Rollen als verkleideter „Bauer“, „Esel“ oder als „Kaninchen“ absahnen konnte und sich deswegen sogar von den eigenen Leuten als „Tobias Rammler“ verspottet lassen musste. Dass Kammler wirklich zum engsten Freundeskreis von Patrick Wieschke gehört, wurde vor einiger Zeit deutlich, als Bilder im Internet auftauchten, welche Wieschke halbnackt und bei homoerotischen Spielchen mit Kammler zeigten.

Kammlers Zweit-Ich, hier in der NPD-Wahlkampfzentrale

Kammlers Zweit-Ich, hier in der NPD-Wahlkampfzentrale

Die Aufnahmen kursierten in Neonazi-Foren, Mailinglisten und auf Facebook, sehr zum Zorn anderer Kameraden, welche die eigene Glaubwürdigkeit in Gefahr sahen. Im Oktober 2009 erhielt Kammler eine Anstellung auf 400-Euro Basis beim Landesverband. Als „Assistent der Geschäftsführung“ konnte er die ihm übertragenen Aufgaben aber nur mäßig zufrieden stellen, darunter fiel auch die „Interessentenbetreuung in Hildburghausen und im Saale-Orla-Kreis“ und landesweit die Gewährleistung einer „Aktualität der Kreisverbandsseiten“. Die beiden Regionen blieben lange Zeit weiße Flecken der NPD und auch online blieb es in etlichen Kreisen bei einem Trauerspiel. Kammler, der selber aus der Kameradschafts-Szene stammt, verscherzte es sich im Wahljahr 2009 ordentlich mit den so genannten Freien Kameradschaften. Sowohl Patrick Wieschke, als auch Sebastian Reiche und Tobias Kammler waren dafür verantwortlich, dass die NPD das Traditionsfest „Thüringentag der nationalen Jugend“ ausfallen lassen wollte. Zumindest beschloss der Landesvorstand durch ihr Betreiben eine solche Absage, zum Ärger von Ralf Wohlleben, welcher inzwischen als mutmaßlicher NSU-Helfer in Untersuchungshaft sitzt. Wohlleben schrieb damals in einer vertraulichen Nachricht an Kammler, Reiche und Wieschke, „diese Entscheidung erachte ich ohne alle Gründe zu kennen für grundverkehrt, denn hier wird bewusst mit einer Tradition gebrochen, welche mittlerweile fester Bestandteil des Nationalen Widerstandes in Thüringen ist“. Er drohte, die Veranstaltung dennoch im Alleingang mit Unterstützung der freien Kräfte durchzuführen und so kam es dann auch, weil die NPD Ansehensverluste durch Ausschreitungen mitten im Wahlkampf befürchtete. Während seiner Studienzeit in Erfurt war Kammler auch intensiv mit dem inzwischen aufgeflogenen V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes, Kai-Uwe Trinkaus, beschäftigt. Beide gründeten zusammen mit Patrick Paul den Verein „Schöner leben in Erfurt e.V.“, in deren ersten Sitzung Kammler gemäß der Registerunterlagen auch als Tagungsleiter auftrat.

Alter Landesvorsitzender: Patrick Wieschke (Foto: http://b3u2h4x7.mywebcommunity.org/)

Alter Landesvorsitzender: Patrick Wieschke (Foto: http://b3u2h4x7.mywebcommunity.org/)

Neuer Landesvorsitzender: Tobias Kammler (stehend), daneben Patrick Wieschke, sitzend (Foto: http://b3u2h4x7.mywebcommunity.org/)

Neuer Landesvorsitzender: Tobias Kammler (stehend), daneben Patrick Wieschke, sitzend (Foto: http://b3u2h4x7.mywebcommunity.org/)

Während der NPD-Deutschlandfahrt 2012 ließ sich Wieschke und Kammler zusammen bei einer Körperverletzung erwischen, Kammler hatte zuvor bereits einem Gegendemonstranten heißen Kaffee ins Gesicht geschüttet. Im selben Jahr machte er dann nochmal auf sich aufmerksam, als er bei seinem Junggesellenabschied sein weißes Hemd mit vermeintlich lustigen Schmierereien durch Patrick Wieschke verzieren ließ und das Foto dann ins Internet stellte. Zu sehen waren eine Hitlerfigur, Kennzeichen der Hitlerjugend, der Name vom Mörder und Kannibalen Armin Meiwes sowie des norwegischen Attentäters Anders Breivik. Durch die eigene Veröffentlichung hatten Wieschke und Kammler der Seriosität ihrer Partei damit sicherlich einen Bärendienst erwiesen. Nach dem beide glorreich mit ihrem Projekt „Landtagswahl 2014“ in Thüringen scheiterten, nicht zuletzt weil Tobias Kammler eine hohe Mitverantwortung an Fehlkalkulationen und einem mangelhaften Konzept zu tragen hatten, betreiben sie inzwischen von der Eisenacher Parteizentrale aus einen neuen Textil-Handel („Hemdster“, wir haben hier berichtet) und versuchen mit dem Verkauf von Hemden in der Nazi-Szene ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

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